{"id":146,"date":"2002-09-07T11:37:19","date_gmt":"2002-09-07T09:37:19","guid":{"rendered":"http:\/\/amisol.ch\/?p=146"},"modified":"2014-05-29T23:37:08","modified_gmt":"2014-05-29T21:37:08","slug":"interviews-mit-frauen-welche-in-den-projekten-von-odesar-mitmachen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/amisol.ch\/?p=146","title":{"rendered":"Interviews mit Frauen, welche in den Projekten von ODESAR mitmachen"},"content":{"rendered":"<p>ODESAR war als erste Organisation in der Region von La Dalia seit 1997 t\u00e4tig. Ihre T\u00e4tigkeiten beinhalten Workshops zu den Themen Geschlechter, Gewalt, Mikro Kredite, und landwirtschaftliche Produktion. ODESAR f\u00fchrt auch Kurse \u00fcber die nat\u00fcrliche Medizin, Ern\u00e4hrung und Hygiene durch.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihres Aufenthaltes in Nicaragua im September 2002 hat Franziska die M\u00f6glichkeit gehabt, die Frauen, welche in der Region mit ODESAR gearbeitet haben, zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Dabei wurden \u00fcber ihre Projekte und die Aktivit\u00e4ten der Organisation gesprochen. Es folgen hier einige Ausschnitte von diesen Interviews.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Franziska: &#8220;Ich m\u00f6chte, dass ihr mir von euren Erfahrungen mit ODESAR erz\u00e4hlt&#8221;.<\/p>\n<p>Claudia: &#8220;Wenn Du in einer Baracke lebst, wirst Du als armer Teufel betrachtet. Mein Selbstwertgef\u00fchl war tief und ich trank zuviel. Dann habe ich begonnen, mit ODESAR zu arbeiten und mein Leben hat sich ver\u00e4ndert. Heute bin ich Do\u00f1a Claudia und die Leute respektieren mich. Ich f\u00fchle mich wohl in meiner Haut. Ich nehme an den Treffen teil, die Dorfgemeinschaft respektiert mich. Ich habe viel \u00fcber die Flora und Fauna gelernt. Ich kann lesen und schreiben. Ich habe die Besitzesurkunde von meinem Land. Ich habe meine Kinder. Zusammen mit meinem Mann hatte ich etwa 10 ha Land, aber dann hat er damit begonnen, den Besitz zu verkaufen und hat mich verlassen. Heute habe ich nur noch 5 ha Land. Ich habe aber auch eine Kaffeeparzelle von etwa 0.07 ha. Ich hatte Angst, er w\u00fcrde mich auf die Strasse setzen. Aber ich habe mit ihm gesprochen, und dann hat er mir die Titel der Agrarreform gelassen. ODESAR hat mir geholfen, die Besitztitel zu erlangen&#8221;.<\/p>\n<p>Flor: &#8220;Ich bin Lehrerin und ich brauchte eineinhalb Stunden, um zu Fuss zur Schule zu gehen. Der Weg war einsam und gef\u00e4hrlich. ODESAR sagte mir, sie w\u00fcrden mir einen Kredit von 8\\&#8217;000 C$ (ca. 530 US$) f\u00fcr ein St\u00fcck Land geben. Ich habe also zwei Parzellen gekauft und heute habe ich ein Haus, Kaffeestr\u00e4ucher, Yucca und Bananen. Bis jetzt hat mir ODESAR die Besitzesurkunde meines Landes noch nicht gegeben, denn ich muss zuerst den Kredit zur\u00fcckbezahlen. Ich arbeite weiterhin als Lehrerin und bin im Netzwerk gegen Gewalt aktiv&#8221;.<\/p>\n<p>Felicitas: &#8220;Ich komme aus Malpaisillo, aus dem Distrikt von Le\u00f3n. Wir kamen hierher, um in einer Kaffeehazienda zu arbeiten. Dort haben wir vernommen, dass eine lokale Organisation Frauen unterst\u00fctzt. Ich habe mich also organisiert, habe Kontakt mit dieser Organisation ODESAR aufgenommen und diese hat mir einen Kredit gegeben. Mit dieser Hilfe (1\\&#8217;000 US$) konnte ich zwei St\u00fcck Land kaufen. Ohne diese Hilfe st\u00fcnde ich jetzt ohne nichts da. Ich habe einen Besitz von ca. 0.7 ha, wo ich Kaffee, Bananen und Fr\u00fcchte anbaue. Dazu habe ich ein Haus, auch wenn es nicht sehr sch\u00f6n ist. Jedoch habe ich die Besitzesurkunden noch nicht, denn zuerst muss ich ODESAR den Kredit zur\u00fcckzahlen&#8221;.<\/p>\n<p>Paola: &#8220;Ich habe die Besitzesurkunde von einem 0.7 ha grossen St\u00fcck Land. Mein Partner hatte ca. 2 ha Land. Als wir uns getrennt haben, habe ich mit ihm gesprochen, damit er mir ein St\u00fcck Land \u00fcberlasse. Und er hat mir 0.7 ha abgetreten. Ich hatte keine Landtitel und auch nicht die finanziellen M\u00f6glichkeiten, diese zu kaufen. Diese Chance hat mir ODESAR gegeben&#8221;.<\/p>\n<p>Luisa: &#8220;Ich hatte Land, aber wir konnten die Landtitel nicht kriegen, weil die Situation dies nicht erlaubte. Weisst Du, unsereins hat nicht gen\u00fcgend Geld, um einen Notar oder eine Notarin zu bezahlen. Stell Dir vor, eine Frau allein mit vielen Kindern: wo soll sie das Geld f\u00fcr die Legalisierung auftreiben? ODESAR jedoch hat uns die Hand ausgestreckt&#8221;.<\/p>\n<p>Isabel: &#8220;Mein Mann und ich, wir besassen nichts. Dann konnten wir ein St\u00fcck Land von ungef\u00e4hr 0.2 ha erstehen. Darauf h\u00f6rten wir, dass ODESAR dabei half, die Titel zu kriegen und mein Partner wollte, dass das Land auf meinen Namen legalisiert wird. Unser Haus ist nicht in einem guten Zustand, es ist schlecht gemacht. Aber wir haben ein Haus&#8221;.<\/p>\n<p>Luisa: &#8220;Ich wohne in der Empresa (Anm.: Kaffeehazienda, wo die Arbeiter in Baracken leben). 54 Familien sind durch das Legalisierungsprojekt beg\u00fcnstigt worden. Wir haben die Besitzesurkunden gekriegt, welche auf den Namen der Frauen ausgestellt worden sind. Die M\u00e4nner sind solche Machos, dass nur sie Besitzer sein m\u00f6chten. Aber sie gehen mit einer Anderen weg und hinterlassen ihren Kindern nichts. Die Idee von ODESAR, das Land auf den Namen der Frau zu registrieren, war super. In meinem Fall sind meine Kinder die Besitzer des Landes. Die Besitzesurkunde lautet auf meinen Namen. In der heutigen Situation w\u00fcrden wir das Land verlieren, wenn wir es nicht legalisiert h\u00e4tten. Es ist n\u00e4mlich schon ein Gutsherr vorbeigekommen, der behauptete, das Land sei seines. Danach kam ein anderer, der dasselbe sagte. Wir sind ODESAR so dankbar, dass sie uns geholfen haben das Land zu legalisieren. Wir sind nun ruhig, da wir wissen, dass es uns geh\u00f6rt. Wir k\u00f6nnen anpflanzen, was wir wollen. Das sind die Fr\u00fcchte von morgen, f\u00fcr die Zukunft. Es kann uns nicht mehr passieren, dass wir s\u00e4en und dann pl\u00f6tzlich ein Anderer kommt und sagt, er sei der Besitzer. Jetzt ist das Land legalisiert&#8221;.<\/p>\n<p>Franziska: &#8220;Wie haben denn die M\u00e4nner reagiert, als sie erfuhren, dass die Landtitel auf den Namen der Frau ausgestellt werden w\u00fcrden?&#8221; Hier wurde die Diskussion sehr angeregt, alle wollten ihre Meinung kundtun.<\/p>\n<p>Paula: &#8220;In unserem Dorf waren nicht alle M\u00e4nner damit einverstanden, das Land auf den Namen ihrer Frauen einzutragen. Einige stimmten der Idee erst zu, haben sich sp\u00e4ter aber zur\u00fcckgezogen und sagten, sie w\u00fcrden ja nichts bekommen, sie w\u00fcrden ohne nichts dastehen und die Frauen w\u00fcrden ihnen ja sonst alles wegnehmen&#8221;.<\/p>\n<p>Luisa: &#8220;Auf der Empresa (Hazienda) geschah dasselbe. Als sie erfuhren, dass es die M\u00f6glichkeit gab, ihr Land zu legalisieren, begannen die M\u00e4nner, bei allen Versammlungen aufzutauchen. Langsam wurden dann auch die Frauen miteinbezogen. ODESAR ist \u00fcberzeugt, dass es besser ist, das Land auf den Namen der Frauen zu legalisieren, da die M\u00e4nner heute mit einer und morgen mit einer anderen zusammen sind und sich der Dinge entledigen. Die M\u00e4nner wollten nicht. Aber welche Alternative gibt es? Hier gibt es keine Arbeit. Was h\u00e4tten die M\u00e4nner sonst tun k\u00f6nnen? So hatten sie keine andere Wahl, als ja zu sagen und das Land auf den Namen der Frau zu legalisieren. Und nun sagen sie, die Frauen seien die Chefs, die Frauen h\u00e4tten die Rechte. Aber sie helfen trotzdem weiterhin bei der Arbeit&#8221;.<\/p>\n<p>Claudia: &#8220;Ich habe mit den M\u00e4nnern gesprochen, da ich Mitglied der Frauenkommission bin und habe ihnen vorgeschlagen, einen Teil des Landes der Frau zur Verf\u00fcgung zu stellen, um z.B. Gem\u00fcse anzupflanzen. Wir wurden uns einig. Aber nicht alle waren einverstanden: einige schon, andere nicht. Sie sagten, die Besitzesurkunden seien unn\u00fctz und wertlos. Aber dies ist ein Irrtum. In Sonora (Anm.: ein Weiler) jedoch haben sie eine Frau ohne nichts zur\u00fcckgelassen. Der Mann hat das Gesch\u00e4ft genommen und sie ohne nichts zur\u00fcckgelassen. In diesem Dorf gibt es keine Solidarit\u00e4t mit den Frauen. Mal sehen, ob dies in unserem Dorf gelingen w\u00fcrde&#8230;!&#8221;<\/p>\n<p>Luisa: &#8220;Ich half meinen Onkel die Besitzesurkunden zu beschaffen. Da sie keine Kinder haben, bin ich dadurch beg\u00fcnstigt, dass ich ihr Land bearbeiten kann und bin daf\u00fcr sehr dankbar. Dann wurden wir jedoch von der Hazienda [wo sie alle wohnten] weggejagt. Die Frauen, welche auf den Haziendas wohnten, haben sich darauf an ODESAR gewandt, um Hilfe zu kriegen. ODESAR hat ihnen einen Kredit von 12\\&#8217;000 C$ (ca. 800 US$) gegeben, um ca. 1.4 ha Land f\u00fcr 20 Familien zu kaufen. In Zukunft k\u00f6nnen wir daf\u00fcr die Besitzesurkunde kriegen und ich f\u00fchle mich schon wie die Besitzerin. Das ist nicht wie wenn ich f\u00fcr meine Onkel arbeite. Nun m\u00f6chte ich gerne eine Unterst\u00fctzung, um ein kleines Haus zu bauen. Das ist, worunter man als Frau am meisten leidet &#8211; wegen der Mutterliebe. Wir m\u00f6chten ein menschenw\u00fcrdiges Haus&#8221;.<\/p>\n<p>Rosa: &#8220;Ich bin ODESAR dankbar. Wir haben mit unserer Arbeit viel erreicht. Wir haben gelernt, unsere Rechte mit Mut zu verteidigen. Wir sind unabh\u00e4ngiger geworden. Wir haben es gelernt zu arbeiten. Wir denken nicht mehr, wenn wir einen Mann haben, gehe nur er arbeiten. Ich bin eine starke, stolze Frau geworden. Weisst Du, es ist hart, den Mann f\u00fcr alles um Erlaubnis zu fragen und von ihm abh\u00e4ngig zu sein. Wenn er Dir Geld f\u00fcrs Salz geben will, dann gibt er es dir. Wenn nicht, isst du ohne Salz. Bevor ODESAR kam, als wir noch auf der Hazienda waren, mussten wir auf ihn warten und um Erlaubnis fragen, um aus dem Haus zu gehen. Nun sage ich einfach, dass ich an jenem Tag nicht da bin&#8221;.<\/p>\n<p>Maria: &#8220;Als ODESAR nach Sonora kam, arbeitete ich in einem Laden, aber es war keine Arbeit f\u00fcr mich &#8211; ich war gelangweilt. Ich fragte, ob es keine Legalisierung von Land durch ODESAR g\u00e4be; die Antwort war nein. Ich ging jedoch weiterhin an die Versammlungen. Dann wurde der Laden \u00fcberfallen und von da an hatte ich Angst. Ich konnte nicht mehr dort arbeiten, es war zu gef\u00e4hrlich. Auch die Chefin wollte wegziehen und mich mitnehmen. Aber ich wollte bleiben und Geld sparen. Ich hatte so lange f\u00fcr meine Chefin im Gesch\u00e4ft gearbeitet und meine Freundinnen sagten, ich solle nicht dumm sein und von ihr verlangen, was sie mir schuldete. Dann, eines Tages, war ein St\u00fcck Land zu haben. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt und es auf Kredit gekauft. Als die Chefin mich sah, mein Haus schon gebaut, hatte sie Mitleid und erinnerte sich daran, wie lange ich f\u00fcr sie gearbeitet hatte. Daraufhin hat sie mir ein Kalb geschenkt, damit mir Pablito [der Besitzer des Landes], ein Kaufversprechen gab. ODESAR hat mir geholfen, die Besitzesurkunde zu kriegen&#8221;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ODESAR war als erste Organisation in der Region von La Dalia seit 1997 t\u00e4tig. 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