Interviews mit Frauen, welche in den Projekten von ODESAR mitmachen

ODESAR war als erste Organisation in der Region von La Dalia seit 1997 tätig. Ihre Tätigkeiten beinhalten Workshops zu den Themen Geschlechter, Gewalt, Mikro Kredite, und landwirtschaftliche Produktion. ODESAR führt auch Kurse über die natürliche Medizin, Ernährung und Hygiene durch.

Während ihres Aufenthaltes in Nicaragua im September 2002 hat Franziska die Möglichkeit gehabt, die Frauen, welche in der Region mit ODESAR gearbeitet haben, zu treffen und mit ihnen zu diskutieren. Dabei wurden über ihre Projekte und die Aktivitäten der Organisation gesprochen. Es folgen hier einige Ausschnitte von diesen Interviews.

Franziska: „Ich möchte, dass ihr mir von euren Erfahrungen mit ODESAR erzählt“.

Claudia: „Wenn Du in einer Baracke lebst, wirst Du als armer Teufel betrachtet. Mein Selbstwertgefühl war tief und ich trank zuviel. Dann habe ich begonnen, mit ODESAR zu arbeiten und mein Leben hat sich verändert. Heute bin ich Doña Claudia und die Leute respektieren mich. Ich fühle mich wohl in meiner Haut. Ich nehme an den Treffen teil, die Dorfgemeinschaft respektiert mich. Ich habe viel über die Flora und Fauna gelernt. Ich kann lesen und schreiben. Ich habe die Besitzesurkunde von meinem Land. Ich habe meine Kinder. Zusammen mit meinem Mann hatte ich etwa 10 ha Land, aber dann hat er damit begonnen, den Besitz zu verkaufen und hat mich verlassen. Heute habe ich nur noch 5 ha Land. Ich habe aber auch eine Kaffeeparzelle von etwa 0.07 ha. Ich hatte Angst, er würde mich auf die Strasse setzen. Aber ich habe mit ihm gesprochen, und dann hat er mir die Titel der Agrarreform gelassen. ODESAR hat mir geholfen, die Besitztitel zu erlangen“.

Flor: „Ich bin Lehrerin und ich brauchte eineinhalb Stunden, um zu Fuss zur Schule zu gehen. Der Weg war einsam und gefährlich. ODESAR sagte mir, sie würden mir einen Kredit von 8\’000 C$ (ca. 530 US$) für ein Stück Land geben. Ich habe also zwei Parzellen gekauft und heute habe ich ein Haus, Kaffeesträucher, Yucca und Bananen. Bis jetzt hat mir ODESAR die Besitzesurkunde meines Landes noch nicht gegeben, denn ich muss zuerst den Kredit zurückbezahlen. Ich arbeite weiterhin als Lehrerin und bin im Netzwerk gegen Gewalt aktiv“.

Felicitas: „Ich komme aus Malpaisillo, aus dem Distrikt von León. Wir kamen hierher, um in einer Kaffeehazienda zu arbeiten. Dort haben wir vernommen, dass eine lokale Organisation Frauen unterstützt. Ich habe mich also organisiert, habe Kontakt mit dieser Organisation ODESAR aufgenommen und diese hat mir einen Kredit gegeben. Mit dieser Hilfe (1\’000 US$) konnte ich zwei Stück Land kaufen. Ohne diese Hilfe stünde ich jetzt ohne nichts da. Ich habe einen Besitz von ca. 0.7 ha, wo ich Kaffee, Bananen und Früchte anbaue. Dazu habe ich ein Haus, auch wenn es nicht sehr schön ist. Jedoch habe ich die Besitzesurkunden noch nicht, denn zuerst muss ich ODESAR den Kredit zurückzahlen“.

Paola: „Ich habe die Besitzesurkunde von einem 0.7 ha grossen Stück Land. Mein Partner hatte ca. 2 ha Land. Als wir uns getrennt haben, habe ich mit ihm gesprochen, damit er mir ein Stück Land überlasse. Und er hat mir 0.7 ha abgetreten. Ich hatte keine Landtitel und auch nicht die finanziellen Möglichkeiten, diese zu kaufen. Diese Chance hat mir ODESAR gegeben“.

Luisa: „Ich hatte Land, aber wir konnten die Landtitel nicht kriegen, weil die Situation dies nicht erlaubte. Weisst Du, unsereins hat nicht genügend Geld, um einen Notar oder eine Notarin zu bezahlen. Stell Dir vor, eine Frau allein mit vielen Kindern: wo soll sie das Geld für die Legalisierung auftreiben? ODESAR jedoch hat uns die Hand ausgestreckt“.

Isabel: „Mein Mann und ich, wir besassen nichts. Dann konnten wir ein Stück Land von ungefähr 0.2 ha erstehen. Darauf hörten wir, dass ODESAR dabei half, die Titel zu kriegen und mein Partner wollte, dass das Land auf meinen Namen legalisiert wird. Unser Haus ist nicht in einem guten Zustand, es ist schlecht gemacht. Aber wir haben ein Haus“.

Luisa: „Ich wohne in der Empresa (Anm.: Kaffeehazienda, wo die Arbeiter in Baracken leben). 54 Familien sind durch das Legalisierungsprojekt begünstigt worden. Wir haben die Besitzesurkunden gekriegt, welche auf den Namen der Frauen ausgestellt worden sind. Die Männer sind solche Machos, dass nur sie Besitzer sein möchten. Aber sie gehen mit einer Anderen weg und hinterlassen ihren Kindern nichts. Die Idee von ODESAR, das Land auf den Namen der Frau zu registrieren, war super. In meinem Fall sind meine Kinder die Besitzer des Landes. Die Besitzesurkunde lautet auf meinen Namen. In der heutigen Situation würden wir das Land verlieren, wenn wir es nicht legalisiert hätten. Es ist nämlich schon ein Gutsherr vorbeigekommen, der behauptete, das Land sei seines. Danach kam ein anderer, der dasselbe sagte. Wir sind ODESAR so dankbar, dass sie uns geholfen haben das Land zu legalisieren. Wir sind nun ruhig, da wir wissen, dass es uns gehört. Wir können anpflanzen, was wir wollen. Das sind die Früchte von morgen, für die Zukunft. Es kann uns nicht mehr passieren, dass wir säen und dann plötzlich ein Anderer kommt und sagt, er sei der Besitzer. Jetzt ist das Land legalisiert“.

Franziska: „Wie haben denn die Männer reagiert, als sie erfuhren, dass die Landtitel auf den Namen der Frau ausgestellt werden würden?“ Hier wurde die Diskussion sehr angeregt, alle wollten ihre Meinung kundtun.

Paula: „In unserem Dorf waren nicht alle Männer damit einverstanden, das Land auf den Namen ihrer Frauen einzutragen. Einige stimmten der Idee erst zu, haben sich später aber zurückgezogen und sagten, sie würden ja nichts bekommen, sie würden ohne nichts dastehen und die Frauen würden ihnen ja sonst alles wegnehmen“.

Luisa: „Auf der Empresa (Hazienda) geschah dasselbe. Als sie erfuhren, dass es die Möglichkeit gab, ihr Land zu legalisieren, begannen die Männer, bei allen Versammlungen aufzutauchen. Langsam wurden dann auch die Frauen miteinbezogen. ODESAR ist überzeugt, dass es besser ist, das Land auf den Namen der Frauen zu legalisieren, da die Männer heute mit einer und morgen mit einer anderen zusammen sind und sich der Dinge entledigen. Die Männer wollten nicht. Aber welche Alternative gibt es? Hier gibt es keine Arbeit. Was hätten die Männer sonst tun können? So hatten sie keine andere Wahl, als ja zu sagen und das Land auf den Namen der Frau zu legalisieren. Und nun sagen sie, die Frauen seien die Chefs, die Frauen hätten die Rechte. Aber sie helfen trotzdem weiterhin bei der Arbeit“.

Claudia: „Ich habe mit den Männern gesprochen, da ich Mitglied der Frauenkommission bin und habe ihnen vorgeschlagen, einen Teil des Landes der Frau zur Verfügung zu stellen, um z.B. Gemüse anzupflanzen. Wir wurden uns einig. Aber nicht alle waren einverstanden: einige schon, andere nicht. Sie sagten, die Besitzesurkunden seien unnütz und wertlos. Aber dies ist ein Irrtum. In Sonora (Anm.: ein Weiler) jedoch haben sie eine Frau ohne nichts zurückgelassen. Der Mann hat das Geschäft genommen und sie ohne nichts zurückgelassen. In diesem Dorf gibt es keine Solidarität mit den Frauen. Mal sehen, ob dies in unserem Dorf gelingen würde…!“

Luisa: „Ich half meinen Onkel die Besitzesurkunden zu beschaffen. Da sie keine Kinder haben, bin ich dadurch begünstigt, dass ich ihr Land bearbeiten kann und bin dafür sehr dankbar. Dann wurden wir jedoch von der Hazienda [wo sie alle wohnten] weggejagt. Die Frauen, welche auf den Haziendas wohnten, haben sich darauf an ODESAR gewandt, um Hilfe zu kriegen. ODESAR hat ihnen einen Kredit von 12\’000 C$ (ca. 800 US$) gegeben, um ca. 1.4 ha Land für 20 Familien zu kaufen. In Zukunft können wir dafür die Besitzesurkunde kriegen und ich fühle mich schon wie die Besitzerin. Das ist nicht wie wenn ich für meine Onkel arbeite. Nun möchte ich gerne eine Unterstützung, um ein kleines Haus zu bauen. Das ist, worunter man als Frau am meisten leidet – wegen der Mutterliebe. Wir möchten ein menschenwürdiges Haus“.

Rosa: „Ich bin ODESAR dankbar. Wir haben mit unserer Arbeit viel erreicht. Wir haben gelernt, unsere Rechte mit Mut zu verteidigen. Wir sind unabhängiger geworden. Wir haben es gelernt zu arbeiten. Wir denken nicht mehr, wenn wir einen Mann haben, gehe nur er arbeiten. Ich bin eine starke, stolze Frau geworden. Weisst Du, es ist hart, den Mann für alles um Erlaubnis zu fragen und von ihm abhängig zu sein. Wenn er Dir Geld fürs Salz geben will, dann gibt er es dir. Wenn nicht, isst du ohne Salz. Bevor ODESAR kam, als wir noch auf der Hazienda waren, mussten wir auf ihn warten und um Erlaubnis fragen, um aus dem Haus zu gehen. Nun sage ich einfach, dass ich an jenem Tag nicht da bin“.

Maria: „Als ODESAR nach Sonora kam, arbeitete ich in einem Laden, aber es war keine Arbeit für mich – ich war gelangweilt. Ich fragte, ob es keine Legalisierung von Land durch ODESAR gäbe; die Antwort war nein. Ich ging jedoch weiterhin an die Versammlungen. Dann wurde der Laden überfallen und von da an hatte ich Angst. Ich konnte nicht mehr dort arbeiten, es war zu gefährlich. Auch die Chefin wollte wegziehen und mich mitnehmen. Aber ich wollte bleiben und Geld sparen. Ich hatte so lange für meine Chefin im Geschäft gearbeitet und meine Freundinnen sagten, ich solle nicht dumm sein und von ihr verlangen, was sie mir schuldete. Dann, eines Tages, war ein Stück Land zu haben. Ich habe die Gelegenheit beim Schopf gepackt und es auf Kredit gekauft. Als die Chefin mich sah, mein Haus schon gebaut, hatte sie Mitleid und erinnerte sich daran, wie lange ich für sie gearbeitet hatte. Daraufhin hat sie mir ein Kalb geschenkt, damit mir Pablito [der Besitzer des Landes], ein Kaufversprechen gab. ODESAR hat mir geholfen, die Besitzesurkunde zu kriegen“.